Der Ausfall des Bahnfunks hat am Dienstag, 23. Juni, für Chaos auf den Schienen gesorgt. Nach Einschätzung der Experten der Informationstechnischen Gesellschaft im VDE (VDE ITG) erfüllt das betroffene GSM-R-Netz der Bahn zwar hohe Sicherheitsstandards, ist aber insofern vulnerabel, weil es ein hierarchisches, zentralistisches Spezialnetz ist, dessen Ausfall den gesamten Bahnverkehr lahmlegen kann. „GSM-R ist aufgrund seines veralteten technischen Stands strukturell anfällig“, sagt Dr.-Ing. Damian Dudek, Geschäftsführer der VDE ITG. Gemeinsam mit seinen Kollegen Dr. Matthias Wirth, Prof. Dr. Klaus Mößner (TU Chemnitz) und Prof. Dr. Ralf Tönies (Hochschule Osnabrück) hat er eine aktuelle VDE Kurzinfo zum Ausfall der Bahnfunkinfrastruktur und ihrer Zukunft verfasst.
Laut Auskunft der Bahn war die Ursache für den Ausfall am Dienstag der Tausch eines Switches, einer Netzwerkverteilkomponente, der einen Software-Fehler zur Folge hatte. „Dies wäre eigentlich kein Problem gewesen, da die Systeme redundant ausgelegt sind und in diesem Fall auf das Parallelsystem umgeschaltet worden wäre“, heißt es in der VDE Kurzinformation. „Allerdings blieb das Umschaltsignal aus und es musste manuell geprüft und umgeschaltet werden.“
Zukunft des Bahnfunks: FRMCS als nächste Generation
Hoffnung auf Besserung macht den Autoren die geplante Implementierung des Future Railway Mobile Communication System (FRMCS). FRMCS basiert technologisch auf dem 3GPP-Standard für 5G-Mobilfunknetze, wobei die funktionalen Spezifikationen durch die UIC (Internationaler Eisenbahnverband) vorangetrieben und sukzessive in das europäische Eisenbahnrecht implementiert werden. Der Zeitplan sieht vor, dass FRMCS ab 2026 in Testfeldern parallel zu GSM-R betrieben wird, bevor es zwischen 2028 und 2032 auf den Hauptkorridoren ausgerollt und bis 2035 flächendeckend eingeführt wird.
Die Experten der VDE ITG fordern nun, die Modernisierung des Bahnfunks zu beschleunigen. „Um die Verkehrssicherheit und die Digitalisierung der Bahn nicht zu gefährden, müssen die technische Infrastruktur priorisiert, Notfallpläne für GSM-R-Ausfälle entwickelt und die Zusammenarbeit zwischen Verkehrs-, Digital- und Wirtschaftsministerium gestärkt werden“, fasst Dudek zusammen. „Die Bedeutung der Kommunikationstechnik in unseren kritischen Infrastrukturen kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.“
