Reichelt Elektronik: Stabilere Lieferketten, aber Kosten und Konflikte trüben die Aussichten

Weniger Produktionsstillstände und ein geringerer Einfluss von Lieferengpässen: Deutsche Unternehmen haben sich heute besser auf volatile Lieferketten eingestellt als noch vor ein paar Jahren. Das geht aus dem jährlich veröffentlichten Lieferkettenreport von reichelt elektronik hervor, bei dem 500 Industrieunternehmen in Deutschland befragt wurden. Doch die Studie zeigt ebenfalls: Der wirtschaftliche Ausblick der Unternehmen hat sich gegenüber dem Vorjahr deutlich getrübt. Unternehmen sind heute besser auf Lieferunterbrechungen vorbereitet. So gibt nur noch jedes vierte Unternehmen (25%) an, einen großen Einfluss von Lieferkettenengpässen gespürt zu haben, 2025 waren es noch 32 Prozent. Besonders sichtbar wird dies bei den Stillständen: Vor drei Jahren mussten Maschinen und Abläufe durchschnittlich noch 31,8 Tage pausieren, 2026 sind es nur noch 20,1 Tage. Zudem blieb fast ein Viertel (24%) der Unternehmen vollständig von Stillständen verschont. Im Vorjahr traf das nur auf 16 Prozent zu.

Dennoch blicken Deutsche Unternehmen pessimistischer in die Zukunft. So gab die Hälfte (51%) der Befragten an, nicht damit zu rechnen, dass sich die Liefersituation in den nächsten Monaten verändern wird. Grund für den Pessimismus sind die zunehmenden Konflikte mit negativem Einfluss auf den Welthandel. Am meisten Sorgen bereitet den Unternehmen der Krieg zwischen dem Iran und den USA: 60 Prozent erwarten weitere negative Auswirkungen, dicht gefolgt vom anhaltenden Krieg Russlands gegen die Ukraine mit 59 Prozent. Auch die Handelskonflikte zwischen der EU und China sehen vielen Unternehmen (58%) als zunehmend besorgniserregend.

Preissteigerungen und Energiepreise dominieren den Alltag

Trotz stabilerer Lieferketten stehen die Unternehmen zunehmend unter wirtschaftlichem Druck. Preissteigerungen bei kritischen Bauelementen sind für 78 Prozent der Befragten die größte Belastung. Gegenüber den 79 Prozent vom Vorjahr ist der Wert somit unverändert hoch geblieben. Knapp dahinter folgen die hohen Energiepreise mit 76 Prozent, deren Wert im Vergleich zu 2025 um 9 Prozentpunkte zugenommen hat. Auch steigende Frachtkosten (68%) und Rohstoffknappheit (61%) werden vermehrt als Herausforderung gesehen.

Das spiegelt sich auch in der Einschätzung wider, was Unternehmen als größte Bedrohung für ihr Geschäftsmodell sehen. An erster Stelle mit 44 Prozent stehen die hohen Standortkosten im internationalen Vergleich, zu denen Energie- und Lohnkosten sowie Mieten zählen. Danach werden die zu große Abhängigkeit bei Importen von kritischen Bauteilen wie Halbleitern (36%), bürokratische Hürden innerhalb der EU (35%) und Rohstoffabhängigkeit von China (34%) genannt.

Halbleiter bleiben kritisch, Netzwerktechnik rückt in den Fokus

Die Lage bei der Beschaffung kritischen Bauteilen ist von Bauteil zu Bauteil unterschiedlich. Halbleiter bleiben wie letztes Jahr am meisten von Engpässen betroffen (46% in 2026 vs. 44% in 2025). Entspannt hat sich die Situation wiederum bei Ersatzteilen für Geräte und Maschinen. Hier sank der Anteil der Betroffenen von 39 Prozent im Vorjahr auf nun 30 Prozent. Das gleiche gilt für Kabel und Schläuche, deren Wert von 27 auf 18 Prozent deutlich zurückging. Im Gegensatz dazu scheint der Kauf von Servern, NAS-Systemen und Netzwerktechnik angespannter geworden zu sein. 19 Prozent der Unternehmen gaben an, bei der Beschaffung Probleme gehabt zu haben – das entspricht mehr als doppelt so viele wie noch 2025 (8%).

Um ihre Lieferketten effizienter zu organisieren, setzen Unternehmen verstärkt auf Automatisierung und KI. 63 Prozent gaben an, automatisierte Systeme zu verwenden – beispielsweise in der Bestandsverwaltung wie Wareneingang und -ausgang oder bei automatischen Nachbestellungen. 39 Prozent hingegen setzten auf Business-Intelligence-Systeme, zum Beispiel für smartes Supply-Chain-Planning und Forecasting, 34 Prozent auf Roboter oder fahrerlose Transportsysteme in der Logistik.

Auch Agentic-AI-Systeme für automatisierte Entscheidungen werden mittlerweile bei 29 Prozent eingesetzt. Deren Einsatzmöglichkeiten sehen 43 Prozent der Unternehmen in der Bestandsoptimierung und Lagerverwaltung. Direkt dahinter mit 41 Prozent folgen die automatische Erkennung von Fehlern oder Notfällen sowie Unterstützung bei deren Behebung.

Die wirtschaftliche Entlastung bleibt aus

„Die Ergebnisse des aktuellen Lieferkettenreports zeigen: Deutsche Unternehmen haben aus den vergangenen Jahren gelernt und ihre Lieferketten widerstandsfähiger gemacht“, sagt Christian Reinwald, Head of Product Management & Marketing bei reichelt elektronik.

„Steigende Kosten für Energie und kritische Bauelemente sowie geopolitische Konflikte verlagern jedoch den Druck von der Lieferfähigkeit auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Für Unternehmen ist es somit entscheidend, ihre Lieferketten nicht nur stabil, sondern auch wirtschaftlich tragfähig und flexibel aufzustellen.“


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